Sassicaia: der Traum von Bolgheri
Von den ersten Cabernet-Reben zu einer eigenen Appellation: eine Eingebung wird Geschichte

Weinberge von Bolgheri in der Toskana — David Lienhard, 26. Juni 2018. Blick auf das Weinbaugebiet mit Rebzeilen, Olivenbäumen und Hügeln. · Originalaufnahme · CC BY-SA 3.0
Warum er auf unserer Karte steht
Bei La Corte Segreta mögen wir Sassicaia wegen dessen, was er im Glas und in der Geschichte des italienischen Weins darstellt. Bevor er zu einer Referenz wurde, war er eine persönliche Suche, die lange in der Familie blieb. Dieser Weg fasziniert uns: ein Weinberg an der toskanischen Küste, eine damals noch ungewohnte Idee und die Geduld, an den eigenen Wein zu glauben. Das Haus Tenuta San Guido setzt diese Geschichte zwischen Wäldern, Hügeln und Meer fort.
Steine im Namen, das Meer nahe den Reben
Sassicaia verweist auf einen Ort von Tenuta San Guido und auf die Steine seiner Böden. Wir sind in Bolgheri in der Toskana, wo die Reben auf unterschiedliche, kalkhaltige und teilweise lehmige Böden treffen. Die Hügel schützen die Weinberge, während Meeresbrisen zu ihrem Klima beitragen. Der Wein gewinnt seine Identität aus dieser konkreten Landschaft.
1944 pflanzt Mario Incisa della Rocchetta etwas mehr als einen Hektar Cabernet Sauvignon nahe Castiglioncello di Bolgheri in etwa 400 Metern Höhe. Die Böden erinnern ihn an die Graves im Bordeaux. Die ersten Edelreiser stammen jedoch von den Salviati aus Migliarino bei Pisa: Der Ausgangspunkt dieses Weges liegt bereits in Italien.
Ein Wein, den man nicht kaufen konnte
Von 1945 bis 1967 bleibt Sassicaia der Familie und ihrem vertrauten Umfeld vorbehalten. Der erste kommerzielle Jahrgang ist 1968 und wird 1971 auf den Markt gebracht. Nicolò Incisa, Marios Sohn, begleitet diese Öffnung. Auch der Önologe Giacomo Tachis spielt eine wesentliche Rolle; die familiären Verbindungen zu den Antinori haben diese Begegnung ermöglicht.
Diese lange private Zeit berührt uns. Ein heute gefragter Wein brauchte zunächst Zeit, Versuche und Überzeugung. Sassicaia gehört somit zu den Pionieren der Super Tuscans, jener Rotweine, deren Anspruch ihrer Anerkennung durch die Herkunftsbezeichnungen vorausging.
1978: die Verkostung, die den Blick verändert
1978 belegt Sassicaia 1972 bei einer in London für Decanter organisierten Blindverkostung den ersten Platz unter dreiunddreißig Weinen aus Cabernet-Sorten aus mehreren Ländern. Die Etiketten sind verdeckt: Der Wein muss für sich selbst überzeugen. Für Bolgheri eröffnet diese Anerkennung einen neuen Horizont.
Wir mögen diese Anekdote, weil sie den Platz von Sassicaia auf unserer Karte erklärt. Sein Ruf erzählt auch davon, wie ein italienischer Wein die Erwartungen über seine Grenzen hinaus verändert hat.
Eine DOC für diesen Wein und sein Gebiet
Die erste Appellation Bolgheri, 1983 anerkannt, sieht nur Weiß- und Roséweine vor. 1994 werden die Rotweine in ihre Regeln aufgenommen, mit einer Sassicaia gewidmeten Unterzone. 2013 wird Bolgheri Sassicaia zu einer eigenständigen DOC.
Ihre Produktionsvorschriften verlangen mindestens 80 % Cabernet Sauvignon mit ergänzenden Rebsorten, darunter Cabernet Franc. Sassicaia verbindet diese beiden Cabernets. Der vorgeschriebene Mindestanteil darf nicht mit der genauen Zusammensetzung eines Jahrgangs verwechselt werden. Diese Anerkennung gibt einem Wein einen eigenen Rahmen, der außerhalb des Rahmens für die Rotweine von Bolgheri begonnen hatte.
Präzision im Keller und Zeit
Nach der Handlese gehen die Auswahl der Trauben und eine sorgfältige Extraktion dem Ausbau in Barriques voraus. Die Durchführung jedes Schritts wird an die Ernte angepasst. Der Jahrgang 2021 verbrachte vierundzwanzig Monate im Holz; 2022 etwa dreiundzwanzig Monate. Die endgültige Cuvée entsteht nach einer Auswahl der Partien.
An unserem Tisch schätzen wir einen frischen, eleganten Ausdruck, reife Frucht und samtige Tannine. Uns gefällt, dass ein Wein mit einer solchen Geschichte diese Suche nach Harmonie bewahrt. Seine Präsenz auf der Karte ermöglicht es, einen großen Rotwein kennenzulernen und zugleich den menschlichen Weg, auf dem er entstanden ist.
Zwei Glasballons und eine weitere Geschichte zum Teilen
Die Geschichte setzt sich mit Poli und der Grappa Barili di Sassicaia 2018 auf unserer Spirituosenkarte fort. Im Frühjahr 1993 stellt Jacopo Poli dem Marchese Incisa ein Projekt vor: aus dem Trester von Sassicaia eine große Grappa zu machen.
Die erste Abholung hinterlässt eine amüsante Anekdote. Der Fahrer Bruno kommt mit zwei Glasballons zu je vierundfünfzig Litern und fragt, ob man sie mit Sassicaia füllen könne, damit er ihn zu Hause probieren kann. Der Keller verkauft den Wein nicht lose. Der Marchese ruft anschließend Jacopo an, weil er fürchtet, die Ablehnung könnte den Fahrer gekränkt haben. Wir mögen diese kleine Episode, in der ein berühmter Name einer ganz einfachen Neugier begegnet.
Die Grappa stammt aus dem Trester von Tenuta San Guido, der in Venetien destilliert wird; an ihrer Reifung sind Fässer beteiligt, die zuvor den Wein enthielten. Diese Kontinuität lässt sich in unserem Archiv über Grappa und Brände verstehen. Wein und Destillat erzählen von zwei unterschiedlichen Ausdrucksformen derselben Herkunft.
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